Andere Länder, andere… Menschen. Sicher ist: Das klassische Tourihopping im Ausland zeigt Dir nur das, was Du sehen sollst. Wenn Du mehr als Bildband- und Lonely-Planet-Panoramen sehen willst, sind die Einheimischen Dein Wegweiser hinter die Kulissen. So wie Michael, einem der letzten „echten“ Fischer.

Norwegen ist für mich irgendwie das Land der Seefahrer. Namen wie Erik der Rote oder auch der Isländer Leif Eriksson fallen mir hier ein, die einst gen Westen segelten und Grönland bzw. Amerika „entdeckten“. Ganz soweit wollte ich dann nun nicht, mir reichte es für den Moment, jemanden zu suchen und zu treffen, der mit dem Meer oder davon lebt. Zwei Tage lang fragte ich in den Küstendörfern Südnorwegens nach einem noch aktiven Fischer. Ich stellte mir einen rothaarigen, graubärtigen, grimmigen Seebär vor, Pranken wie die Fischer aus der Neutrogena-Werbung, Ranzen vorm Bug und in Ölhosen am Kai. Getroffen habe ich

Michael. Michael war wirklich ganz anders. Knappe 30 wie ich, schlacksig, kein Ranzen, sehr offen, kein Bart, dafür die roten Haare und Ölhosen. Michael lebt oberhalb eines kleinen Dorfes und hat sein Boot in einem der vielen kleinen Bootshäuser unten ab Fjord liegen. „I am the fisherman here“ – bekam ich zu hören, so als ob es keine anderen mehr gab. Was zum Teil auch der Realität entspricht. Doch dazu gleich mehr. Bereitwillig sagte er mir zu, ich könne mit. 07.00 Uhr am nächsten Morgen am Bootshaus.

Sein Kutter stammte noch von seinem Großvater, den er wiederherrichtete und so die Familientradition aufrecht erhalten wollte. Der Stadt entsagte er einige Jahre zuvor, um sich der Fischerei zu widmen. Doch Überfischung durch die „Big Trawler“ vor der Küste machen den Job unrentabel. Die wenigen Fischer, die aus den unterschiedlichsten Beweggründen noch der Fischerei nachgehen, werden vom Staat subventioniert. Ansonsten könne es sich niemand leisten – Netze, Diesel, Boot, Liegeplatz, Wohnung/ Haus, etc. sind mit dem erwarteten Fang finanziell nicht zu tragen. Und so kam es, dass ich tatsächlich mit einem der letzten echten Fischer Südnorwegens hinausfuhr.

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Still war es am morgens am Kai. Wie ein Spiegel mit gleißender Sonne darauf, kein Wölkchen am Himmel und schon angenehm warm – so lag der Fjord vor uns. Wir waren anfangs die einzigen, die rausfuhren und ihre Spur in den Fjord zogen. Der Dieselmotor gab ein gleichmäßiges, müdemachendes Stampfen von sich, der Geruch von Fisch, Salzwasser, Wald, Diesel und Gummi lag abwechselnd in der Luft. Ich wollte das richtige, harte Fischerleben erfahren. So mit Schwielen an den Händen, Schweissperlen auf der Stirn und der steten Gefahr, sich an der Winde was einzuklemmen. Ich bat also Michael, mich nicht zu schonen und mich jeden Job machen zu lassen.

Er ließ mich machen. Alles.

Das erste Netz: Aus 120m Tiefe. Das zweite: 160m Tiefe. Das dritte dankbare 80m Tiefe. Alle 200-250m lang und sackschwer. Danach noch fünf Krebsreusen aus jeweils 120m Tiefe. Die Winde hatte ihre besten Zeiten Jahrzehnte zuvor gehabt. So holte ich ein Netz nach dem anderen hoch, verbrannte mir ständig meine Hände an den Nesseln der toten Quallen, klemmte mir die Falte zwischen Daumen und Zeigefinger ein, schwieg ob meiner völlig ausgepowerten Unterarme, um der Schmach eines großmäuligen Städters zu entgehen und schwitzte in die völlig atmungs-IN-aktive Ölhose. Michael telefonierte derweil mit mehreren Leuten. Sicher erzählte er seinen ganzen Kumpels von dem deutschen Vogel, der gratis seine Netze hochholte, während er eine Fluppe nach der anderen rauchen konnte. Sein mit jedem neuen Telefonat ähnliches Lachen löste in mir irgendwie diese Ahnung aus.

Aber ich fand es geil! Norwegen_Fischer_Stephan.JPG

Es war das, wonach ich gesucht hatte, irgendwie männlich, archaisch, schweißtreibend hart und doch so grundlegend ehrlich und einen Büronerd wie mich erdend – denn die Ausbeute war ein Witz. Drei Dorsche, zwei Schollen, kein einziger Hummer oder eine Krabbe. Jetzt verstand ich, warum den Job niemand mehr machen wollte und noch dazu subventioniert werden musste. Hohe Kosten, gefährliche und harte Arbeit bei geringstem Ertrag, das macht kaum jemand mit.

Den Fang verkaufte Michael nach unserer Tour an den lokalen Fischhändler, was er dafür bekam weiß ich nicht. Aber viel wird es nicht gewesen sein. Michael lud mich auf ein Bier zu sich ein und schenkte mir zum Dank noch selbstgeräucherten Lachs, der mir nach Wochen mit Reis und Nudeln herrlich schmeckte. Zurück bleibt für mich ein toller Blick über den Tellerrand, den man so nur selten bekommt.

Gleichzeitig bekam ich das Gefühl, dass es bald den Seefahrer, wie ich ihn mir vorstellte, nicht mehr geben wird. Wie in vielen anderen Ecken der Erde auch. Industrielle Fischerei ist ein Frevel an der Unterwasserwelt, an den Beständen, an den Traditionen der einfachen Fischer. Aber wie sieht die industrielle Fischerei aus? Jetzt wollte ich es wissen und fragte nach der anderen Seite. Nach zwei Tagen Suche und sicher 30x Fragen nach einem echten Fischer musste ich nur einmal fragen für eine Mitfahrt auf eine Lachsfarm. Schräg. Mehr dazu im Folgeartikel.